Wie Instagram die Camperreise bereichert

Früher traf man sich auf dem Campingplatz. Später in Foren. Heute ist Instagram die wohl grösste Plattform für Menschen, die im eigenen Fahrzeug verreisen und darin leben. Welche Rolle kann die App spielen, wenn man sie bespielt?

Nächste Destinationen: El Salvador und Honduras. Ein noch weitgehend blinder Fleck in unserer Wahrnehmung. Ist es nicht ziemlich gefährlich dort? Was gibt es zu sehen, zu essen, zu erleben? Mal schauen, wo andere Panamericana-Reisende waren. Ich öffne Instagram und scrolle durch die Profile von Menschen, die wir unterwegs kennengelernt haben und solchen, deren Gesicht und Gefährt uns nur durch die App bekannt geworden sind. Da gibt es solche, die beide Länder auf schnellstem Weg durchfahren und andere, die Wochen und Monate dort verbracht haben. Letztere zeigen Fotos von kühlen Bierflaschen vor eindrücklichen Sonnenuntergängen, dem Meer und allerlei Dschungelgetier. Die Übernachtungsplätze sehen schön aus. Ich denke: Wenn die da waren, dann müssen wir uns keine Sorgen machen.

Das Konzept von Instagram ist simpel: Man hat ein Profil und lädt dort einzeln Bilder hoch. Mit Filtern lassen sich die Fotos vorher bearbeiten. Dazu schreibt man einen Kommentar und sogenannte Hashtags – das sind Schlagworte, die zum Bild passen.

#Vanlife ist einer aktuell meistdiskutierten Hashtags der Welt. Er beschreibt nichts anderes als: Schau, so sieht das Leben aus, wenn man in einem Van lebt. Vier Jahre nach seinem ersten Auftauchen werden bald 1.5 Millionen Fotos mit #Vanlife verschlagwortet sein. Das US-Magazin New Yorker schrieb vor einigen Wochen einen ausführlichen Artikel zur Kommerzialisierung dieses Trends. Es begleitete ein amerikanisches Paar, das in einem VW T3 lebt und mit weit über 100’000 Followern zu den bekanntesten Vanlifern auf Instagram gehört. Der Artikel hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack, da sich die Autorin im Text in erster Linie darauf konzentriert, wie das Paar durch Produktplatzierungen auf seinen Fotos mittlerweile einen grossen Teil seines Lebensunterhalts bestreitet.

Der Artikel artete auf Instagram zu äusserst emotionalen Debatten aus. Die meisten Menschen hielten es für inakzeptabel, #Vanlife für kommerzielle Zwecke zu missbrauchen, während ihn doch die Suche nach Einfachheit und Nähe zur Natur geboren hatten. Die klassischen #Vanlife-Fotos zeigen vornehmlich VW-Busse und Mercedes Sprinter an einsamen Stränden, inmitten von Pinienwäldern oder auf leeren Strassen im Nirgendwo. Eine eigene Ästhetik, die alles vermittelt, wonach junge Menschen streben: die pure Freiheit, in Einklang mit der Natur. Vermitteln die Bilder auf Instagram einen falschen Eindruck vom Leben und Reisen im Camper? Wenn man seinen Verstand ausschaltet: ja. Es werden nur die schönen Seiten gezeigt: die Sonnenuntergänge, die einsamen Plätze, immer perfektes Wetter. Ist es also gerechtfertigt, die vermeintliche Authentizität dieses Lebensstils verteidigen zu wollen? Könnte man nicht sagen: Warum sich über die Kommerzialisierung aufregen, wenn #Vanlife ohnehin falsche Vorstellungen vermittelt?

Interessanterweise ist die Meinung unter den Reisenden, mit denen wir gesprochen haben, ambivalent. Zwar finden auch sie, dass der Hype Übergrösse angenommen hat. Andererseits nutzen die meisten von ihnen Instagram und sind froh um die Vorteile, welche die App mit sich bringt.

Instagram-Nutzer Manuel Lopez erzählt etwa: “Meine gesamte Inspiration für den Ausbau meines VW Caddy kommt von Instagram!” Er hat den Prozess sogar auf einem eigenen Profil fotografisch begleitet. Solche Profile sieht man immer öfter, der Wissensaustausch ist gross. Was vorher versteckt in irgendwelchen Spezialforen stattfand, ist heute öffentlich für alle auf Instagram zu sehen und zu lesen. Und wenn man zu einem Foto eine Frage hat, ist der Besitzer des Gefährts schnell kontaktiert. Auch uns schreiben immer wieder Menschen, die wissen wollen, wie genau wir die Surfbretter an der Seite unseres VW-Busses montiert haben.

Von der Kraft, die sich durch die riesige #Vanlife-Gemeinschaft freisetzen kann, erzählt Carina Hofmeister: “Ich bin durch Instagram inspiriert und vor allem bestärkt worden, mir meinen Traum vom eigenen Van tatsächlich zu erfüllen! Die vielen Geschichten und spannenden Erlebnisse von anderen Vanlifern waren zunächst nur spannend zu verfolgen und heute habe ich durch Instagram bereits Kontakt zu anderen Van-Leuten in meiner Gegend gefunden und auch schon Hilfe von ihnen gehabt. Weiterer Fun-Fact: Durch meine Camper-Suche habe ich meinen jetzigen Chef kennengelernt und arbeite heute bei einer Firma, die Camper-Sharing ermöglicht.” 

Carinas Geschichte zeigt, dass durch den Trend viel mehr Menschen mit dem Reisen und Leben im Camper in Berührung kommen. Das kann man finden, wie man möchte. Jemand schrieb uns mal eine Nachricht; er habe Angst, dass Routen wie die Panamericana dadurch bald völlig verstopft sein werden. Doch anstatt sich vor einer sehr ungewissen Zukunft zu fürchten, könnte man sich über die positiven Elemente freuen und sich diese zu Nutzen machen.

Ein Beispiel dafür sind die Oregon Vanagon Overlanders – eine auf Instagram äusserst aktive Community von Wochenendcampern. Sie verfolgen mit viel Leidenschaft VW-Bus-Reisende auf der ganzen Welt und veranstalten regelmässig Treffen. Kaum in Portland angekommen und ein Bild auf Instagram gepostet, erhielten wir eine Einladung zum gemeinsamen Bier. Zwei Tage später fuhren wir gemeinsam in einer Karawane von acht VW-Bussen übers Wochenende an die Küste – mit dabei auch ein französisches Paar auf der Durchreise.

Für all das muss man nicht Zehntausende Follower haben. Auch stille Nutzer können von Instagram profitieren. Fragen stellen kann jeder und auf grösseren Profilen mitdiskutieren auch. Zudem ist es einfacher, andere Reisende zu verfolgen, ohne ständig auf ihrem Blog nachschauen zu müssen. Grössere Profile ab wenigen Tausend Followern haben noch den Vorteil, dass sie vielleicht mal von Einheimischen beim Durchreisen entdeckt und zu einer warmen Dusche oder einem gemeinsamen Essen eingeladen werden; dies ist jedoch auch möglich, wenn man clevere Hashtags setzt!

Viele starten ihr Instagram-Profil heutzutage in der Hoffnung, vielleicht mal Geld damit zu verdienen, wie das US-Paar im New Yorker. So gut wie alle verabschieden sich schnell wieder davon, denn die Aufbauarbeit kann sehr, sehr aufwändig sein. Wirklich Geld verdienen lässt sich heutzutage ohnehin erst ab 50’000 bis 100’000 Followern – erst ab dieser Reichweite und Grössenordnung wird ein Profil für Werbezwecke wirklich interessant.

Bevor wir unsere ungefähre Route durch El Salvador und Honduras festlegen, möchte ich noch unsere eigenen Follower aktivieren und ihr Wissen anzapfen. Ich poste ein Bild, erzähle im Kommentar kurz von unseren Plänen und frage nach Tipps für die beiden Länder. Wir erhalten Dutzende: Playa el Cuco, Lago de Yojoa, El Tunco, Volcan de Santa Ana. Dazu Nachrichten von Reisenden, welche auch planen, in den nächsten Tagen und Wochen dort durchzureisen und fragen, ob wir uns nicht treffen wollen. Das freut uns immer sehr, denn wie schade wäre es, wegen einem Tag einen potenziellen neuen Freund zu verpassen?

Und genau das ist es, was Instagram – wie alle klug genutzten sozialen Medien – wirklich ausmacht: Es geht nicht darum, der Realität zu entfliehen. Sondern darum, sie ein kleines Stück besser zu machen, als sie ohnehin bereits ist.

Dieser Text erschien zuerst in einer etwas weniger persönlichen Version in der Herbstausgabe des Explorer Magazins.

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