Welcome to Tijuana!

Mexico. Ob man schon da war, oder nicht, dieses Land ruft Bilder hervor. Von Kakteen, von Wüstenlandschaften, von Strohhüten, von Farben, von Tacos und Burritos und von Männern mit dichten schwarzen Schnäuzen. Guten Gewissens können wir bereits jetzt vermelden: Die Bilder in deinem Kopf sind alle wahr.

Sandro war eher nervös, als wir eines Freitagmorgens von San Diego aus die paar Kilometer in Richtung Tijuana in Angriff nahmen. Die USA hinter uns zu lassen fühlte sich aber überraschend gut an. Tijuana ist die meistpassierte und wohl auch berüchtigtste Grenze der Welt. Rund 40 Millionen Menschen übertreten sie jährlich. 2016 sind zwei davon: wir.

Schon die erste Aufgabe verhunzen wir mit Bravur. Kurz sehen wir noch das Schild Autodeclaracion, Selbstdeklaration, da sind wir schon dran vorbeigefahren. Der Van wird bei der nächsten Station von ein paar mexikanischen Grenzwächtern beäugt, aber sonst passiert nicht viel. Sind wir jetzt einfach in Mexiko? Warum haben wir keinen einzigen US-Beamten gesehen? Die scheint es tatsächlich nicht zu interessieren, wer ihr Land verlässt. Hauptsache, es kommt keiner rein.

Wir wissen, dass wir in Mexiko eigentlich ein Formular ausfüllen sollten, also fahren wir irgendwo rechts ran und stellen uns in die erste Menschenschlange, die wir sehen. Nach etwa 20 Minuten dämmert es uns: Wir stehen in der Linie in Richtung USA. Ein Mexikaner (mit Schnauz) bestätigt und schickt uns zu seinen Landsleuten in ein Gebäude. Dort drin waren wir bereits vor einer halben Stunde gewesen, aber der einzelne Militärbeamte in dem riesigen Raum liess uns denken, dass wir falsch waren. Waren wir nicht. Einmal an ihm vorbei, gab es ein paar Schalter, wo wir das Formular ausfüllten, etwas Geld zahlten und die Touristenkarte bekamen. 180 Tage gibts in Mexiko einfach so! Das ist super, denn die werden wir ziemlich sicher fast alle benötigen. Beim Banjercito haben wir gegen etwas mehr Geld auch Luz importiert, er hat sogar ganze zehn Jahre bekommen. Der Mann am Schalter war sehr nett und meinte, wir würden aussehen wie Künstler. Wir vereinbarten stillschweigend, dass wir wohl mal wieder duschen sollten.

Zurück bei Luz genehmigten wir uns einen kleinen geschmuggelten Avocado-Snack.

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Pause vor dem Grenzzaun in Tijuana.

Mexico! Wir konnten es kaum glauben. Tijuana ist nicht mal so hässlich, wie man es sich in kühnen Drogen-und-Sex-Träumen vorstellen würde, trotzdem fuhren wir die 60 Kilometer durch nach Ensenada an der Pazifikküste. Die Stimmung heiter, wir fühlen uns sofort wohl.

Das Benzin ist nur wenig günstiger wie in den USA, 18 Pesos entsprechen einem Dollar. Die SIM-Karte ist auch schnell organisiert. Der erste Campingplatz, den wir ansteuern, liegt auf einem Hügel ausserhalb von Ensenada. Die Sicht über den Pazifik ist fantastisch. Der Preis fast noch besser: 70 Pesos, warme Duschen und Wifi. Da ging es uns auf Campingplätzen in den USA für über 40 Stutz oft schlechter. Es gefällt uns so gut, dass wir vier Nächte bleiben. Die Tage verbringen wir mit rumliegen und lesen. Rückblickend waren die drei Monate USA mit all den Städten und ihrem Verkehr doch ziemlich anstrengend gewesen.

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Zeit zum Putzen.

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Wir wussten aus gut unterrichteten Quellen, dass Baja California Sur sehr viel hübscher sein soll, als der Bundesstaat im Norden der Halbinsel. Also wollten wir so schnell wie möglich dort hin. Leider kam uns nach nur wenigen Kilometern ein leerer Campingplatz direkt am Strand in die Quere. So schön! Am Tag darauf machten wir uns auf in Richtung Guerrero Negro in der Mitte der Halbinsel, wo wir auf dem Parkplatz eines Hotels übernachteten. Die Landschaft in dieser Region ist absolut fantastisch. Millionen von gewaltigen Kakteen säumen den Weg, Massen von Geröll und Felsen schieben sich dazwischen. Und wir ganz allein mittendrin, Verkehr gibt es äusserst wenig. So bleibt viel Zeit zum Podcasts hören und in die Landschaft hineinsinnieren.

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Die Mex1 ist generell ziemlich gut in Schuss. Wenn auch recht schmal!

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Gross uns alt.

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So sehen Menschen aus, die sich ausgesperrt haben.

Alle 200 Kilometer etwa gibt es Kontrollposten des mexikanischen Militärs. Ein Dutzend junge uniformierte Männer, die Gewehre im Anschlag. Doch anstatt uns zu verdächtigen, Drogen zu schmuggeln, sind sie meist persönlich interessiert und fragen uns über unsere Reise aus. Sehr nette Begegnungen. Wir haben zudem einen kleinen Wettbewerb am Laufen, es steht schon 6 zu 0 für Gabs. Denn, immer wenn sie (dreimal bis jetzt) fährt, wird der Van nicht inspiziert. Wenn Sandro fuhr (auch dreimal), mussten wir die Türen öffnen und uns überall hineinschauen lassen. Ob Frauen vertrauenswürdiger aussehen?

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Den haben wir in der Wüste gefunden, ausgegraben und adoptiert. Wir haben ihn beide schon im Dunkeln aus Versehen angefasst. Recht schmerzhaft.

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Baja California Sur!

Im Oasenörtchen Mulegé blieben wir statt einer, drei Nächte. Es war grün, Palmen überall, Kolibris, Schmetterlinge und fliegende Fische, was will man mehr. Und auch hier: sieben Franken, top Wifi, warme Dusche. Carlos von der Bar nebenan war sofort unser bester Freund und so fuhren wir unsere Velos aus und verbrachten einige sehr schöne Stunden bei ihm und im Dorf. Hier haben wir auch zum ersten Mal bemerkt, wie viele Kanadier und US-Amerikaner in Baja überwintern. Im Jargon nennt man diese Menschen snowbirds. Sie stellen ihre Wohnmobile für das Winterhalbjahr auf einen Campingplatz wie diesen und machen es sich gemütlich. Meist sind es ältere, aufgeschlossene Menschen, denen es gut geht, wenn sie sich schon morgens um zehn zu den Fischtacos ein Bier anschnallen. Ein fantastisches Realtheater, wenn sie versuchen, Spanisch zu sprechen.

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Fast wie Ferien.

Apropos Tacos, die gibt es überall. Alle paar Meter stehen Stände und umfunktionierte Karren, aus denen es herausdampft und es ist fast unmöglich, nicht überall hineinschauen zu wollen. Bis jetzt war alles Essen unglaublich lecker und mit Liebe gemacht – und wir haben nicht wenig gegessen! Gabs als Vegi hat zwar Mühe, Tacos ohne Fleisch und Fisch zu finden, aber Quesadillas gibts ja auch noch.

Nach Mulegé säumen einige kleine, äusserst hübsche Buchten die Mex1. Sie alle befinden sich an der Bahia Concepcion. Die Strände sind allesamt zugänglich für Camper und haben teilweise Plumpsklos und Palapas, Unterstände aus Palmblättern. Wir fahren „El Requeson“ an. Das Wasser ist wunderbar zum Baden, der Strandhund ist süss wie ein Keks und wir feierten einen fast perfekten Tag. Leider ist der Kühlschrank kurzzeitig ausgestiegen und wir mussten lauwarme Tecates trinken – und unser kanadischer Nachbar war etwas zu redefreudig. Aber sonst: sehr empfehlenswert!

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Jetzt sitzen wir gerade in einem Café in Loreto, einem hübschen Kolonialstädchen. Hier steht die erste der 21 Missionen, die die Spanier damals auf der Baja erbaut haben. Auf dem Dorfplatz vor uns wimmelt es von Menschen, gerade wird eine neue Telenovela gedreht. Kamerakräne, Menschen in lustigen Kostümen und Newsreporter sind von hier aus zu sehen. Der Hauptdarsteller der Novela hat anscheinend mal in einem 50-Cent-Clip mitgespielt. Schön hier.

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Loreto und die Telenovela.

EDIT: Nachdem wir diesen Artikel veröffentlich hatten, fiel uns noch ein wichtiger Stop auf der Fahrt ein. Irgendwo im Norden von Baja fuhren wir in einen Campground ein, der auch ein Motel war. Wir freuten uns auf Meer und Sandro auf die fantastischen Krabben, die es dort anscheinend zu essen gibt. Es war menschenleer, wie ein kleines Geisterdorf. Die Anlage war ungefähr aus den 70er-Jahren. Einige Bauten wurden nie beendet. Wir gehen in das Restaurant. Ein Kellner in voller Kellner-Montur ist tatsächlich da und erklärt uns, wo wir uns hinstellen dürfen. Das Restaurant sei noch bis 22 Uhr geöffnet. Wir fragen uns, wer an diesem abgelegenen Ort in dieser alten Anlage noch essen gehen will, aber wir nehmen uns vor, die Krabbe zu testen. Um 17 Uhr stehen wir auf der Matte und überraschenderweise sitzt eine Runde von etwa 15 Amerikanern an den Gartentischen, die allesamt schon ihre frischesten Jahre hinter sich hatten. Wir genehmigen uns zwei ultrastarke Margaritas (sie sollen die besten von ganz Baja sein – kein Wunder, bei diesem Alkoholgehalt), Quesadillas und die Krabbe. Wir werden immer lustiger und die Ami-Runde immer kleiner. Mit einigen kommen wir ins Gespräch. Allesamt snowbirds, die bereits seit Jahren hier überwintern. Vielleicht kommen sie schon so lange an diesen Ort, dass sie gar nicht bemerken, wie verdammt abgefuckt er ist. Eine Frau sagt uns etwa dreimal, dass sie nur 62 Dollar pro Monat an Miete hier bezahlt. Wow. Als es kühl wird, gehen wir an die Bar. Drinnen sitzen drei Amis am Sport schauen. Der Mann (mit Schnauz) hinter der Bar schaut traurig drein und erzählt uns, dass viele der Leute hier Trump-Wähler seien. Wir schütteln den Kopf und er fragt, ob es wirklich war sei, dass Trump etwas gegen Mexikaner habe. Die Situation wird noch getoppt von drei Amerikanern, die eintreten, als wären sie die Chefs des Restaurants und beginnen, lautstark über die amerikanische Wirtschaft zu diskutieren. Darauf trinken wir noch eine letzte Pacifico und gehen schlafen. Am nächsten Morgen sind wir schnell weg. Aber: Die Krabbe war tatsächlich absolut fantastisch!

1 Kommentare

  1. es freut mich dass es für euch so toll läuft und wünsche euch dass dies so bleibt.

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