Theater um Luz in Tacoma

Im letzten Post konnte man bereits lesen, dass das Warten auf unseren Van schon einiges an Geduld gekostet hat. Doch dass es am Ende so mühsam werden würde, hätten wir damals nicht gedacht. An die Ostküste zu verschiffen und quer durch die USA zu fahren, wäre wohl mindestens so schnell gegangen, wie den Van an die Westküste nach Tacoma zu verfrachten. Ein Schwank in vier Akten.

3 Wochen vor Ankunft von Luz, Anfangs Juli 2016

In der Schweiz sind wir uns ja gewisse Abläufe in der Administration und mit Behörden gewohnt. Man kann zumindest nachvollziehen, was man gerade macht oder weshalb etwas so ist wie es ist – meistens zumindest. Wir haben aber schnell bemerkt: Am Hafen von Tacoma spielt sich aber alles ein bisschen anders ab. Schon drei Wochen vor Ankunft haben wir per Email den Frachtempfangsschein erhalten, den wir am Hafen für die Entgegennahme von Luz benötigen würden. Soweit, so gut. Doch wo genau können wir den Van auch wirklich entgegennehmen? Dass wüssten sie erst, wenn der Frachter wirklich im Hafen angekommen sei. Ok. Leuchtet irgendwie ein. Wir warteten also ab.

3 Tage vor Ankunft von Luz, 19. Juli 2016

Nun leider hatte sich das Schiff schon um drei Tage verspätet und es wurde Freitag bis Luz am Hafen ankam. Man teilte uns mit, dass übers Wochenende nichts laufen würde, da alles für uns Wichtige geschlossen hat – das heisst: keine Zollbehörde, keine Abfertigung, keine Auskunft im Costumer Office. Wir erkundigten uns abermals per Mail und es folgten die Tage darauf immer wieder die gleichen Antworten: „I am sorry but until we have customs clearance we would not know an exact day“. Auf mehrmaliges Nachhaken kam dann auch eine Antwort von Supervisor: „I am really sorry but until we have customs clearance we would not know an exact day“. Also warteten wir das Weekend ab und reisten mit unseren Freunden und ihrem Van weiter über die Olympic Peninsula, wo wir auf den Campgrounds in ihrem gemütlichen Gästezimmer – einem Zelt – schlafen durften. Wir verbrachten also ein paar schöne Tage und warteten auf das entsprechende Mail mit der Bestätigung, welches uns dann tatsächlich am Mittwoch erreichte!

Auf nach Tacoma, Donnerstag, 27. Juli 2016

Die Freude war gross. Damit wir alle nötigen weiteren Informationen erhalten würden, mussten wir noch die rund 400 Dollar für die Gebühren überweisen. Gar nicht so einfach über E-banking. Deshalb: Ein Anruf bei der Agentur, um die Zahlung per Kreditkartenüberweisung zu veranlassen. Das ging dann keine 10 Minuten und wir erhielten die Zahlungsbestätigung und eine Adresse von „Bill“ – der Ansprechperson im Hafen – wo wir die gestempelten Zollpapiere abholen könnten. Wir fragten nochmals nach, ob damit wirklich alles geklärt sei und man versicherte uns: „Oh yeah, now it’s really all fine – you can pick up your motorhome today“. So machen wir uns gegen Mittag auf Richtung Tacoma, um bei Bill die Zollpapiere abzuholen. Bill hatte sein Büro allerdings nicht am Hafen, sondern „in der Nähe“ des Hafens, beim Flughafen. Rund 30 Minuten nördlich. So fuhren wir also zuerst zu Bill, was sich in Anbetracht des Verkehrs als relativ mühsame Angelegenheit erwies. Um 15.30 Uhr klopften wir also dort an und wir wurden empfangen. „Aha, ihr seid also die Travellers, welche die Papiere abholen möchten? Well, ich habe eurer Agentur schon gesagt, dass ich sie gar nicht habe. Aber ich weiss, dass ihr durch die Zollkontrolle gekommen seid. Wo ihr die Papiere jetzt herbekommt, kann ich euch nicht sagen. Ich würde mal Customer Care anrufen.“ Er kopierte uns noch einen Zettel, der eigentlich an uns adressiert war, den wir aber nie gesehen hatten und wünschte uns viel Spass auf der Reise. Auf dem Zettel stand, dass der Hafen um 16 Uhr für Abholungen schliesse. Da beim Customer Care niemand abnahm, fuhren wir einfach zur Adresse am Hafen, die auf dem Zettel stand. Aber die Zeit lief gegen uns. Wir donnerten den Hafendecks entlang und tatsächlich: Luz war zu sehen! Allerdings hinter einem grossen Zaun. Der Officer am Eingang erklärte uns dann: „Sorry, alle schon weg. Kommt morgen wieder. Aber hey: geht doch da drüben hin und erledigt den Papierkram schon heute. Dann könnt ihr morgen früh gleich loslegen“.

Hier das herzzerreissende Foto (von Noëlle), auf dem wir versuchen, zu Luz zu kommen. Er steht wirklich nur wenige Meter hinter dem Zaun. Er tat uns so leid!

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Wir liefen die 100 Meter über den Platz und stolperten – 10 Minuten vor Feierabend – in das Büro und brachten unser Anliegen vor. Die Dame dort hat uns zuerst eine kleine Standpauke gehalten und uns erklärt, dass wir hier nicht einfach ohne „Escort“ reinkommen können, weil wir uns auf „Homeland Security Area“ befänden und einen Zugang nur durch die authentifizierten Escorts möglich wäre. Sie hat dann aber schnell begriffen, dass unsere Nerven etwas angespannt waren und sie erwies sich dann schnell als hilfsbereit. Einen „Bill“ von der besagten Firma würde sie übrigens nicht kennen („Who’s Bill anyway?“) und sie fand unsere Zollpapiere im System ebenfalls nicht. Deshalb der nächste Tipp: „Ok, mit dem Fahrzeug ist alles ok, das könnt ihr morgen holen. Aber die Zollpapiere, wer weiss wo die sind. Am besten ihr geht ins Zollbüro am Hafen und regelt das dort“. Zum Glück hat sie uns mit ihrem Kollegen im gegenüberliegenden Büro connectet, welcher uns zum Terminal begleiteten würde. Damit ersparten wir uns die Organisation eines „Escorts“. Denn: Die 20 Meter, der Luz hinter dem Zaun stand, durften wir nicht alleine zurücklegen um ihn zu holen, da es sich um eine „Restricted Area“ handelt. Unglaublich.

Nun gut, das würde also unser Plan für den nächsten Tag, dem Freitag, sein. Wir fuhren mit unseren Freunden Abendessen und checkten in einem Hotel in der Nähe des Hafens ein, damit wir Luz am nächsten Morgen schnell abholen konnten, ordneten nochmals all unser Gepäck und machten uns ready für den grossen Tag.

Luz und die Zollpapiere, Freitag, 28. Juli 2016

Es ist Freitag. Das Taxi hat zuerst den Weg zum Hafen zwar gefunden, aber nicht den richtigen Weg „im“ Hafen. So irrten wir ein bisschen umher („well you know, the port with the GPS is really tricky“). Nun gut. Wir betraten also nochmals das besagte Büro am Hafen und der Norweger Ole, unser neuer Kontaktmann, war sichtlich gut gelaunt und hat uns in sein Auto gebeten – um 50m über den Platz zu fahren. Das Paperwork von gestern in der Hand mussten wir in das nächste Kabäuschen, wo uns ein Mitarbeiter zuerst Komplimente zum Van („Netter Wagen, wir haben ihn uns ausgeliehen und gingen etwas campen“) gemacht und dann eine Unterschrift auf die Papiere verlangt hat. Ein Papier gab er uns zurück et voilà, das wars. Das wars? Das wars! Ein Hafen-Mitarbeiter drehte den Schlüssel und wir durften selber hinausfahren.

Ole so: „You’re free!“ Der Empfang von Luz dauerte ein paar Minuten – das Theater drum herum aber Tage. Wir brachten die Nummernschilder an, versicherten uns, dass noch alles drin war und gaben einander noch ein fettes High Five!

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Unser letzter Posten: die Zollbehörden. Wir fuhren also noch dahin, trugen wiederum unser Anliegen vor. Es war kurz nach 10 Uhr. Der Officer musterte uns und fragte uns zuerst, wie alt der Van sei (Jahrgang 1988). Danach kopierte er alles, was er von uns erhalten konnte (Frachtbestätigung, Sandros ID und Fahrausweis). Eine Viertelstunde später dann auch noch die Kopie von Sandros Pass. Es folgten die ersten Formulare, die ausgefüllt werden mussten. Nach rund einer Stunde betrat dann, auch hier wieder, der Supervisor die Runde. Die Herren berieten sich und liefen möglichst unaufällig zu ihren Kollegen in den hinterer Reihen und hielten auch dort Rücksprache. Offenbar hatte auch hier niemand eine Ahnung, wie man einen privat verschifften Van richtig im System erfasste. Der Officer und der Supervisor traten dann zu uns an den Tresen und erklärten: „Damit ihr den Bus richtig importieren könnt, braucht ihr einen Broker. Hier habt ihr eine Liste, einfach anrufen und er erledigt den Rest“. Wir wussten grad nicht, welche Gefühlszustände nun angebracht waren. Die beiden Zöllner zogen sich auch gleich zurück, um 10 Minuten später zu erklären, dass wir übrigens sowieso die falschen Einfuhrpapiere angefordert hätten. Wir verstanden nur noch Bahnhof. Weitere 10 Minuten später dann die Erkenntnis: „Sorry guys, wir haben hier alles falsch gemacht. Euer Fahrzeug ist mit Jahrgang 1988 so alt, dass wir einen einfachen Ablauf erledigen können“. Und so füllten wir das letzte Formular aus, erhielten die abgestempelten Papiere und machten uns auf den Weg nach Cannon Beach zu unseren Freunden, um mit ein paar Bieren auf das Ende dieser Odyssee anzustossen.

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Und irgendwie wurden wir das Gefühl nicht los, als wären wir die ersten gewesen, die jemals einen Van nach Tacoma verschifft haben.

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