Ich bin nicht musikalisch

Malen kann ich auch nicht. Geduld ist nicht meine Stärke. Ich muss immer das letzte Wort haben.

Diese Sätze sah ich immer als gegeben an. Als etwas, das nun mal so ist, wie es ist. Ich habe nicht gerade darunter gelitten, doch gut angefühlt hat es sich auch nicht. Ist ja auch kein gutes Gefühl, wenn man dem eigenen Freund beim Gitarre spielen zuschaut und sich dabei einredet, dass man das niemals könnte, weil kein Talent oder zu dumm oder genetisch bedingt.

Neben den mentalen habe ich auch eine körperliche Einschränkung. Ich habe eine Wirbelsäulenverkrümmung, eine Skoliose. Das sieht man mir nicht an, doch ich lebe seit meiner Jugend mit Rückenschmerzen, mal mehr, mal weniger. Es gab auch einige Positionen im Yoga, die ich nicht einnehmen konnte. Das waren dann die Momente in der Yogastunde, in denen man mich oft mit Tränen in den Augen, die Wut aufkochend, beobachten konnte. Die Skoliose hat einiges abbekommen. Sie war natürlich auch schuld, wenn meine linke Hüfte sich nicht so gut öffnen wollte wie die rechte. Oder wenn ich Schmerzen hatte, weil ich zu lange gesessen war. Seit meiner zweiten, sehr intensiven Yogaausbildung, weiss ich, dass ich die unmöglichen Positionen einnehmen kann – es hatte einfach Übung und Willen gebraucht. Seit dem Besuch bei einem Spezialisten der japanischen und chinesischen Medizin kann ich meine linke Hüfte genauso gut öffnen wie die rechte. Innert kürzester Zeit wurde mir bewusst: die Skoliose ist auch eine mentale Hürde.

Natürlich ist es einfach, alles auf den kaputten Rücken zu schieben. Es ist bequem. Dann bin ich selbst nicht verantwortlich. Wenn ich die ganze Negativität aber als positive Energie genutzt hätte, wäre mir wohl viel vorher bewusst geworden, dass ich alles tun kann, wenn ich es will. Vielleicht mit Modifikationen – es gibt auch jetzt noch Positionen, die ich meiden sollte – aber es geht. Und das sogar ziemlich gut!

Diese Einsicht ist nun auch in andere Bereiche übergeschwappt. Was ist schwieriger, als sich einzureden, dass man nicht musikalisch ist? Gitarre spielen zu lernen! Natürlich ist es nicht einfach für mich. Aber es macht Spass! Und: ich habe ein Blatt Papier und einen Stift. Das heisst: Ich kann malen. Ich kann vielleicht nicht gut malen, aber ich muss mir nicht einreden, nicht malen zu können.

Der Geduld, dem ewigen letzten Wort und vielem anderen gehe ich mit Achtsamkeit auf die Spur. Was passiert mit mir, wenn ich ungeduldig werde? Woher kommt dieser Stress? Was hat die Ungeduld genau ausgelöst? Was passiert, wenn die Sache nicht schnell erledigt wird? Was gibt es mir, das letzte Wort zu haben? Was will ich damit erreichen? Wie fühlt es sich an, das letzte Wort dem anderen zu überlassen?

Auf all das hätte ich auch vor dieser Reise kommen können. Das Problem ist, dass ich in diesem „alten Leben“ sehr wenig Zeit zur Reflexion hatte. Ich habe meist auf Umstände reagiert und mir dabei Dinge eingeredet, die ich nicht kann und nie können werde. Jetzt habe ich die Zeit, mit mir zu arbeiten und einfach auszuprobieren, wie es ist, Gitarre zu spielen. Ich muss mir keine Gedanken darüber machen, dass es peinlich sein könnte, dass ausgerechnet ich mir Farben kaufe und Blümchen in mein Büchlein male.

Natürlich habe ich auch vorher gezweifelt und dann trotzdem angefangen, Skateboard zu fahren oder eine Yogalehrerausbildung zu absolvieren. Aber ich spreche nicht von Zweifeln. Ich spreche von den Dingen, die wir als gegeben hinnehmen. Von den „so bin ich halt“s und den „das werde ich nie können“s. Ich weiss, ich wiederhole mich. Aber ich meine es wirklich ernst, wenn ich sage: Wenn ich das kann, dann kann es jeder.

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6 Kommentare

  1. Wunderschöne, inspirierende Worte! Ich verfolge eure Reise seid Beginn via Blog und Instagram und ihr habt mir schon einige Male ein Lächeln aus dem grauen Alltag entlockt & mich zum Nachdenken angeregt. Danke dafür.

    Liebe Grüsse aus Bern
    Lena (wir haben zusammen studiert an der ZHAW Gabs, weisst nicht, ob du dich noch erinnern magst)

    • vanabundos

      Hallo liebe Lena! Schön, von dir zu lesen und dass du mitliest. Natürlich erinnere ich mich noch! Danke für deine lieben Worte – hoffe, es geht dir gut! Liebgruss aus Mexico City, Gabriella

  2. Adele Revet

    Hola de Punta Perula Gabriella y Sandro,
    I continue to check your web site for updates. Am enjoying your photos on this site as I do not belong to Facebook nor to Instagram etc- I just do emails!
    Are you going to be writing about your impressions? Example: I saw a photo of Sandro where you mentioned how the mountains at the Mariposas sanctuary reminded you of the Alps- I had the same reaction as my cousins live in La Haute Savoie. I am anxious to read about the experience you had there and of course everywhere else you will travel.
    It was lovely meeting you both and I wish you the very best in your travels…. Adele

    • vanabundos

      Hola Adele! We thought a lot of you! Of course we’ll be writing about our experiences. But right now we’re enjoying Mexico City with Sandros sister and a bunch of other friends. You’ll read from us soon 🙂 All the best to you!

  3. eine tolle entwicklung und gleichzeitig eine tolle erfahrung an der du uns teilhaben lässt. danke!

  4. Schöner Beitrag! Meine Gitarrlele aus Indonesien steht auch schon sehr lange im Regal und ich rede mir ein, dass ich einfach kein Talent habe (Hinzu kommt vielleicht noch meine mieserablen Gesangskünste). Aber vielleicht nehme ich sie diesen Sommer doch nochmal mit auf einen Roadtrip und lerne fleißig! Danke für die Motivation… Genießt die Zeit!

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