Existenzangst im Einkaufszentrum

Wir sitzen gerade in San Marcos am Lago Atitlan. Vorne im Dorfzentrum macht eine Art Guggenmusik ziemlich viel Lärm. Das Leben fühlt sich richtig gut an. Heute zumindest. Gerade habe ich mit einer guten Freundin telefoniert und ihr erzählt, wie gut es mir geht. Ausserdem, dass ich vor etwa zwei Wochen einen kleinen Nervenzusammenbruch hatte. Und wieso soll man nicht auch Nervenzusammenbrüche mal mit dem weiten Internet teilen. Denn anscheinend gibt es Leute, die denken, wir seien immer fröhlich.

Wir fahren bereits zum zweiten Mal nach Guatemala City, um den kaputten Laptop flicken zu lassen. Die Stadt ist der absolute Verkehrshorror und es ist unerträglich heiss. Wir finden das Einkaufszentrum und passen nicht in die Parkgarage. Der nette Mann am Eingang lässt uns in die Lieferantengarage fahren. Diese ist das Gegenteil des Einkaufszentrums: düster und dreckig. Mir ist schon die längste Zeit flau im Magen, weil ich Angst davor habe, so viel Geld für den Laptop auszugeben (in Guatemala sind solche Dinge unverhältnismässig teuer). Vor allem, weil wir nur einige Wochen zuvor unsere Kamera ersetzen mussten.

Wir spazieren also in das Einkaufszentrum und der verdammte Laden ist geschlossen. Coming Soon! steht da. Und ich: fange an zu weinen. Erst ganz wenig. Bis wir beim Auto angekommen sind, hemmungslos.

Ich kann mir ziemlich lange einreden, dass alles gut wird. Aber an diesem Tag ist die Angst hochgekocht und innert weniger Minuten übergeschwappt. Wir sind völlig verantwortungslos. Wir werden in die Schweiz zurück müssen, nicht wollen. Wieso läuft alles schief. Was hat dieses Leben mit mir vor. Was tu ich hier überhaupt. Was haben wir uns eigentlich gedacht! Es hatten sich richtig tiefe Existenzängste entwickelt.

Tatsache ist: Diese Reise war nur für eineinhalb Jahre geplant. Dafür haben wir gespart. Nun sind wir dermassen langsam, dass wir sicher zweieinhalb Jahre unterwegs sein werden. Das heisst, wir werden unterwegs arbeiten. Das wurde uns in den letzten Monaten bewusst und wir freuen uns interessanterweise sehr darüber. Das gibt der ganzen Sache eine Mission. Auch, weil wir gerne tun, was wir tun. Wir lieben es, länger an einem Ort zu bleiben, die lokalen Cafés zu erkunden und dabei kreativ zu sein. So begannen wir langsam, Menschen zu kontaktieren und Artikelideen zu pitchen.

Wir machen uns sozusagen selbstständig. Das ist schon an sich eine Herausforderung. Aber aus einem Van heraus, in Guatemala? Natürlich braucht das Zeit. Und Geduld. Und ganz viel Vertrauen in was auch immer (die eigenen Fähigkeiten, andere Menschen, das Universum, you name it).

Tatsache ist auch: Diese Reise war für eineinhalb Jahre geplant. Das heisst, wir sind finanziell nochmal neun Monate lang sicher. Das ist viel Zeit. Zeit, die wir haben. Zeit, in der Existenzängste sinnlos sind. Ich habe heute zu essen und morgen auch und die nächsten 150 Tage mindestens.

Dieser Tag vor zwei Wochen war ein trauriger. Aber wie immer, wenn man etwas unbedingt will, muss man erst mal auf die Fresse fallen. Denn wenn man schliesslich vom Boden aufsteht, kann man den Schwung gleich mitnehmen. Hier am See kommen wir sehr gut in Schwung – langsam kommt alles ins Laufen. Ich habe wieder Vertrauen.

Wenn ich etwas vom Leben gelernt habe, dann, dass es immer irgendwie funktioniert. Ich freue mich schon darauf, diesen Text irgendwann zu lesen und mein unwissendes jüngeres Ich auszulachen.

Nicht immer fröhlich, aber meistens: Ich.

Nicht immer fröhlich, aber meistens: Ich.

8 Kommentare

  1. Hey ihr beiden,
    danke für diesen ehrlichen und irgendwie ziemlich lustigen Artikel.
    Ich kenne das Gefühl, wenn einem langsam die Kehle zuschnürt, weil man merkt, dass es irgendwie grade nicht so läuft, wie es laufen soll. Meine Ängste sind meistens total unverhältnismäßig und meistens nur eine Fantasie meiner Schwarzmalerei… Im Endeffekt ergeben sich eh wieder tausend neue Sachen, an die man vorher nichtmal im Traum gedacht hat.
    Am Besten hat mir übrigens am ganzen Artikel dein letzter Satz gefallen, weil ich mir zu 100 % sicher bin, dass das schon ganz bald sein wird.
    🙂
    Weiterhin buen viaje – ich folge euch sehr gerne bei Instagram & Facebook 🙂
    Anne

  2. Olivier Egli

    Liebe Gabriela,

    Aus allertiefsten Herzen gratuliere ich dir zu den unglaublichen Einsichten, zu deiner Energie und zu dem Mut, den ihr beide tagtäglich aufbringt, um euer Leben so zu leben, wie ihr es leben wollt. Es steckt sehr viel Weisheit in euren Erkenntnissen, und die Lektionen, die ihr durchlebt, sind Geschenke des Lebens, manchmal verpackt als Rohrbomben und kleinere Karastrophen. Die wichtigste Lektion habt ihr aber wohl schon gehabt: dass das Leben euch nur Gutes will. Ihr seid für Vira und mich eine immer wiederkehrende Inspiration, die uns antreibt, auch selber immer wieder unseren Status Quo herauszufordern. Danke!

  3. Liebe Gabriela, nur zu gut kenne ich dein Erlebtes aus eigener Erfahrung. Während unserer Zeit als selbständig Erwerbende in Edinburgh kam auch ich an diese Grenze und erfuhr, was es heisst, wenn man die Emotionen nicht mehr kontrollieren kann. Ein stundenlanger Heulkrampf – ich?? Waaaas sicher nicht, das wird mir nie passieren! So dachte ich, doch es kam natürlich wie es kommen musste. Faustdick und überwältigend. Doch auch ich musste lernen, diese Gefühle richtig einzuschätzen und sie auch zu relativieren. Na sonst traut man sich ja irgendwann gar nix mehr im Leben …

    Dass du dein Erlebtes hier mit euren Lesern teilst, finde ich persönlich eigentlich nur natürlich. Denn ihr wolltet ja Einblicke in euer Leben auf Reisen geben und da gehört auch solch eine starke Erfahrung nun mal mit dazu. Ob negativ oder nicht – du konntest deine Schlüsse daraus ziehen und ich finde, du gehst sehr gut damit um. Die beiden, die vor mir kommentiert haben, sehen das genau so wie ich und auch ich möchte dir danke sagen, dass du uns auch deine dunkelsten Momente nicht vorenthältst. Es ist sehr echt und direkt – deshalb folge ich eurem Blog sehr gerne. Hoffentlich ist der Laptop bald repariert, damit wir wieder vermehrt in den Genuss eurer Blogposts und eurer tollen Bilder hier kommen.

    Begegnungen mit Menschen und der Kultur während eurer Reise, darüber würde ich mega gerne mehr von euch erfahren. Danke für die Einblicke in euer van life und dass ihr uns teilhaben lasst.

    Sandra

  4. Ihr Lieben,

    was für ehrliche Worte! Aber ganz ehrlich, und lasst es euch von einem „alten Mann“ sagen: ihr schafft das! Natürlich! Und der letzte Satz ist ja quasi schon vorab der Beweis!
    Es klingt klischeemäßig, aber: alles wird gut!
    Und, sag doch mal ehrlich: ihr habt schon so viel geschafft, warum sollte diese kleine Anhäufung von Missgeschicken daran etwas ändern??

    LG und gute Fahrt!

    Kai

  5. Hi Fellows

    Wie immer gut zu lesen. Macht doch http://www.fundmytravel.com oder so was. Ihr könnt es auch wie Meike Winnemuth machen: ihr macht euch einen Spass daraus, dass Leute euch kleinere und grössere Aufgaben geben (und bezahlen), über die ihr dann schreibt.

    Ich jedenfalls würde euch gerne ein paar Nachtessen oder Drinks sponsern; Ihr seid cool!

  6. vanabundos

    Ach, wie soll ich euch allen Kommentatoren bloss danken. Da fühlt man sich wirklich schnell nicht mehr alleine. Danke fürs Dasein und fürs Lesen und fürs Mitreisen! Ihr seid saucool und ich schätze das unglaublich. Hier am Lago Atitlan kommen wir schön zur Ruhe und können kommende Schritte mit Weitsicht und Vertrauen planen und angehen. Ihr lest von uns, versprochen! Und an den lieben Mr. D und andere, die uns unterstützen wollen: Im Juli kommt unser Ebook raus, dann habt auch ihr was davon! Allerliebste Grüsse, Gabs

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