Eine Nacht in Cabo oder Die Politesse im Bett

Hier kommt eine Geschichte, die wir bis anhin noch nicht aufgeschrieben hatten, weil sie eher eine Anekdote ist. Doch mittlerweile haben wir sie so oft erzählt – auch uns selbst wieder und wieder – dass sie sich zumindest als Kurzgeschichte absolut bewährt hat. Hier ist sie.

Kurz vor Weihnachten kamen unsere lieben Freunde Andi und Noëlle plus ihre Schwester Dominique am Flughafen in San José del Cabo an. Das ist die kleinere, harmlosere und zweifelsfrei hübschere Version von Cabo San Lucas. Wer was im Kopf hat, umfährt beide Orte grossräumig und steuert die zehntausend anderen Strände und Dörfer auf Baja California an. Das Kollektiv hatte allerdings versagt und so stand uns eine Zwischennacht in Cabo San Lucas bevor. Cabo San Lucas ist ungefähr so wie ich mir den Ballermann vorstelle. Die drei Reisenden hatten sich ein Hostelzimmer gemietet. Wir, völlig abgebrühte Vanlifer, würden es uns irgendwo in einer Seitengasse im Van bequem machen. Easy. War nicht das erste Mal, dass wir mitten in einer Stadt schliefen. Wir suchten etwas halbherzig die Strassen ab, welche völlig verstopft waren. Jeder einzelne Parkplatz war besetzt. So entschieden wir uns für einen bezahlten Parkplatz, dieser würde wenigstens sicher sein. Wir gingen alle zusammen fein Tacos essen, tranken unsere Bierli und noch eins obendrauf, das hilft beim schnellen Einschlafen. Wir sahen üble Polterabende, schlechte Feuerkünstler, verzweifelte Animateure und wiesen ein halbes Dutzend halb motivierter Mariachi-Bands ab. Doch wir waren fröhlich, hatte uns doch das Schicksal wieder vereint, und das in Mexiko!

Gegen Mitternacht gingen wir schliesslich in Richtung Van zurück. Aus jedem Loch schallten die Lautsprecher alles Üble, das man sich vorstellen kann. Aber es war Mitternacht und die allermeisten Schuppen waren so gut wie leer, also gingen wir davon aus, dass der Lärm bald aufhören würde. Unser Parkplatz befand sich in Reichweite von zwei verboten lauten und zwei sehr lauten Bars. Wir sind aber nicht sehr lärmempfindlich, darum waren wir noch immer guter Dinge, als wir in den Van einstiegen. Wir putzten unsere Zähne und legten uns hin, leicht beduselt und sehr beseelt. Wir hatten vielleicht vierzig Minuten lang geschlafen, als wir gleichzeitig wach wurden. Die Lautsprecher waren aufgedreht worden und wir hatten sicher 35° Celsius im Bus. Zuerst machten wir noch Witze: „Jemand sollte denen in den Bars mal sagen, dass sie nicht mehr Gäste bekommen, je lauter und beschissener die Musik ist.“ Es war so heiss, dass wir uns abwechselnd gegenseitig Luft zufächern mussten, um nicht wegzusterben. Doch wir waren auf einem offenen Parkplatz in Sichtweite der gastronomischen Übeltäter, wir konnten nicht einfach die Türen öffnen und lüften. Also harrten wir aus. Gottseidank fanden wir ein offenes Wifi. Scrollen und fächern. Um die Zeit zu vertreiben und um zu überleben. Das Lachen verging uns trotzdem nicht. Denn jeder Song setzte in Sachen Beschissenheit und Lautstärke noch einen drauf und wir schüttelten kichernd die Köpfe, aber nicht zu stark, um nicht noch mehr ins Schwitzen zu geraten.

Morgens um sieben erwachten wir aus einem konfusen Zustand aus Dösen und Traum und waren uns wortlos einig, dass wir so schnell wie möglich von diesem Ort verschwinden. Auch wenn die Musik vor fünf Minuten oder drei Stunden aufgehört hatte. Wir fuhren los, bezahlten viel zu viel für den Parkplatz und machten uns auf die Suche nach Kaffee und einer Toilette. Nach drei Runden durch das Quartier, das im Tageslicht noch viel dreckiger und abgenutzter aussieht, mussten wir uns geschlagen geben: im Starbucks. Wir bestellten einen kleinen, schwarzen, zuckerfreien Kaffee, eine Bestellung, die in der Welt der entkoffeinierten, fettfreien Frappuccinos mit Vanillearoma on Ice immer wieder für Verwirrung sorgt (wir mussten diese Verzweiflungstat schon einige wenige Male vorher begehen). Schnell aufs Klo und schneller wieder zurück in den Van. Wir hatten uns mit den Freunden vor dem Hostel verabredet, welches nur wenige hundert Meter hinter uns lag. Gleich würden wir hier weg sein.

Wir müssen umdrehen und kommen an eine Kreuzung. Die Ampel steht auf rot. Neben uns ein Schild: U-Turn verboten. Auf der vierspurigen Strasse steht und fährt niemand. Es ist Samstagfrüh, wir sind die einzigen auf der Strasse. Wir schauen uns an. Wortlos gebe ich das Einverständnis. Sandro macht den U-Turn. Wir wollen wirklich einfach weg. Kaum eingespurt sehen wir die beiden Politessen, die uns natürlich gesehen haben und rauswinken. Ja genau. Wir beginnen erst gar nicht mit Schuldzuweisungen, denn wir wissen, wir sind beide die dümmsten Menschen der Welt.

Die Frauen sind nett, aber wollen partout wissen, wo wir wohnen. Nur mit Mühe können wir ihnen erklären, dass dieses Auto unser Zuhause ist. Die Busse beträgt umgerechnet 60 Dollar, Sandro muss schnell zum Bankomaten rennen. Gabs wird in der Zwischenzeit befragt, aber nur aus Interesse. Ob sie den Van von innen sehen können? Natürlich! Gabs lässt die Politessen ins Auto, sie sehen sich um und findens hübsch. Na, wenigstens etwas. Doch die Damen schiessen den Vogel ab. Während Sandro zurückkommt und unsere Freunde gerade heranschlendern, holt eine davon ihr Handy hervor und bittet die andere, doch bitte ein Foto zu machen – und legt sich auf unser Bett! Sie stützt sich auf dem Ellbogen ab, den Kopf in der Hand und grinst in die Kamera. Wir lachen aus Verlegenheit etwas zu laut, übergeben das Geld und verabschieden uns.

Wenn uns heute jemand nach dem Versäumnis der Reise fragen würde, das wäre unsere Antwort: Dass wir in diesem kostbarsten aller Momente nicht geistesgegenwärtig das Handy gezückt haben, um diese Absurdität und Grenzüberschreitung festzuhalten.