Die Freiheit, alles zu tun

Am Ende eines Jahres kann man sich fast nicht retten vor all den klugen Sprüchen in den Sozialen Medien: A new year, 365 blank pages. Doch sind die Tage des neuen Jahres wirklich so unvorgeschrieben, wie wir glauben wollen? Da ist der Job, welcher schon fast 300 davon ziemlich planbar macht. Ostern. Dann die Ferien im Sommer. Geburtstage, die gefeiert werden wollen.

Wie es sich anfühlt, tatsächlich vor 365 weissen Seiten zu stehen, erfahren wir gerade am eigenen Leib. Wir haben nichts geplant für 2018. Das meine ich ganz wörtlich: nichts. Da ist keine Route, keine Länderliste, die abgehakt werden muss, keine Sehenswürdigkeiten, die auf einer Bucket List stehen. Bis jetzt hat sich in diesem Jahr noch kein Besuch angemeldet. Festivals stehen auch nicht auf dem Programm. Als Selbstständige wissen wir nicht, wie unsere Auftragslage in diesem Jahr aussehen wird. Wir müssen keine Party schmeissen für Sandro, der kommende Woche 38 wird. Wir müssen auch an keinen Geburtstagsparties teilnehmen, weil wir ja in Südamerika hocken, weit weg von unserem Sozialleben in der Schweiz. Wir wissen nicht einmal genau, was wir morgen tun.

Was löst diese Beschreibung unseres 2018 in Ihnen aus? Denken Sie, dass es Ihnen Angst machen würde? Natürlich haben auch wir manchmal Angst vor dem Ungewissen, wir sind ja keine Hippies. Das Schweizer Sicherheitsdenken ist immer noch sicher verankert in unserem Bewusstsein, auch wenn es sich in den letzten anderthalb Jahren etwas gelockert hat. Vor allem finanziell stehen wir vor der Herausforderung, unser Leben auf Reisen so weiterzuführen wie bisher. Wir leben bereits seit einem halben Jahr von dem Geld, das wir als Selbstständige unterwegs verdienen und hoffen, das auch weiterhin so hinzukriegen.

Auf der anderen Seite steht die pure Aufregung! Wie oft geschieht das schon in einem Menschenleben? Dies ist vielleicht die einzige Chance, die wir haben, so ein Jahr voller echter leerer Seiten zu beschreiben. Quasi aus einem Nichts ein Alles zu machen. Wir können spontan und flexibel sein, wenn wir das denn wollen. Wir können uns auch jetzt hinsetzen und eine Route planen: Flüge checken für Galapagos und entscheiden, ob wir zu Machu Picchu laufen oder fahren.

Doch was wollen wir eigentlich? Mit dem Flow weiterziehen oder lieber schon die Eckpunkte voraussehen? Wir wissen es nicht, wir standen noch nie vor so einem Jahr. 2017 war einfach und verplant: voll von Besuchen aus der Schweiz und sinnbefreiten Visaregelungen in Mittelamerika. Diese ersten Wochen 2018 setzen wir uns deshalb bewusst mit uns selbst auseinander: Um herauszufinden, was wir eigentlich wirklich wollen, wenn wir die Freiheit haben, alles zu tun. Bis dahin geniessen wir weiterhin dieses wunderbare Kolumbien vom Dschungel bis in die Wüste und wieder zurück.

Übrigens kommen wir gerade vom Weihnachtsbesuch in der Schweiz. Nur zwei Dinge kamen uns daheim komisch vor: Dass überall Schweizerdeutsch gesprochen wird und dass die Menschen ziemlich gross sind. Hier in Lateinamerika waren wir es unbewusst gewohnt, die längsten zu sein. In Zürich gehen wir unter.

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Sie haben keinen Plan: Gabriella und Sandro.

Dieser Text erschien zuerst auf 20minuten.ch.

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