Kategorie: Kolumbien

Wie viel Geld braucht ihr?

Die haben doch bestimmt reiche Eltern, sonst kann man sich sowas gar nicht leisten! Was wurde uns nicht schon alles nachgesagt. Gleichzeitig erhalten wir via Social Media oft die Frage: Wie viel kostet das eigentlich, so zu reisen wie ihr?

Die Antwort auf diese Frage lautet je nach Person, die man fragt, anders. Auf der Panamericana sind die Lebensentwürfe genauso unterschiedlich wie in jeder Stadt der Welt. Da gibt es Rentner, die sich ein 100’000-Franken-Wohnmobil auf LKW-Basis massschneidern lassen und mitsamt Waschmaschine jahrelang und sehr komfortabel reisen. Da gibt es Hippies, meist Argentinier, die mit irgendeinem Gefährt, das sie im Hinterhof des Onkels fanden, unterwegs sind und dabei Kunsthandwerk verkaufen. In Antigua, Guatemala, trafen wir ein Paar, das gemeinsam mit den zwei Katzen in einem 2CV umherreiste.  Dazwischen findet sich alles andere – und wir. Zwei normale Menschen mit einem alten aber sehr fahrtüchtigen und praktischen Camper, die lange auf diesen Traum der Langzeitreise gespart haben und nun von unterwegs aus arbeiten.

Auch wir fragten uns anfangs, wie viel Geld wir wohl monatlich wohl brauchen würden. Wir schrieben also einige Menschen an und erkundigten uns nach ihrem Budget. Viele wichen der Frage aus und verwiesen auf die ganzen Variablen wie: Benzinverbrauch des Autos, Verschiffungskosten (die nach Volumen des Fahrzeugs verrechnet werden), eigene Vorlieben, Wildcamping oder Campingplatz, Reiseroute, und so weiter.

Heute, nach bald zwei Jahren können wir mit gutem Gewissen sagen: Mit 2000 Franken im Monat ist man dabei, inklusive allem. Das heisst, wenn man ungefähr unterwegs ist wie wir. Wir kochen oft selbst, kaufen eigentlich nur auf dem Markt ein, unser Camper ist vergleichsweise klein, wir campen ab und zu wild, versichert sind wir durch eine internationale Krankenversicherung (das heisst, wir sind abgemeldet in der Schweiz) und wir reisen recht langsam. Wir gehen auch regelmässig zum Mechaniker, essen bewusst gut auswärts und sind insgesamt nicht knausrig oder immer auf den günstigsten Preis aus. Am Ende ist es immer die Balance, die es ausmacht.

In Lateinamerika haben wir es uns zur Gewohnheit gemacht, je nach Land nicht mehr als 20 – 30 Franken täglich auszugeben. Dazu gehört Essen, Einkäufe, Übernachten und die kleinen Dinge wie Maut, Grenzgebühren oder Kaffee. So behalten wir unsere täglichen Ausgaben mehr oder weniger im Griff. Dazu kommen grössere Ausgaben wie Benzin, Mechaniker, Versicherungen aller Art, Verschiffungen, Ausflüge. In den USA waren unsere Ausgaben natürlich viel höher. Aber da wir in Lateinamerika oft keine 2000 Franken pro Monat brauchen, gleicht sich das auf die Länge der Reise in etwa aus.

Brad und Sheena van Orden sind ein Paar aus den USA, das seine Ausgaben während der dreijährigen Weltreise im VW-Bus akribisch notiert hat. Auf ihrer Website drivenachodrive.com teilen sie alle Tabellen dazu. Sie verschifften ihren Bus mehrere Male von Kontinent zu Kontinent und reisten nicht nur durch Länder mit günstigen Lebenskosten. Ihre Reise kostete monatlich im Schnitt 3000 Franken, was überraschend wenig ist für die unglaubliche Strecke, die sie mitsamt Verschiffungen und Motorschaden hinter sich gebracht haben. Wer auf einem oder zwei Kontinenten bleibt, ist mit 2000 Franken monatlich sehr gut bedient.

Fahren mit 2000 monatlich gut und fröhlich in der Weltgeschichte herum: die Vanabundos.

Kolumbien im Herzen

Auf Instagram stolperte ich letztens über eine Bar auf Bali, welche sich Pablo’s nennt. Im Logo Pablo Escobar, dargestellt wie ein christlicher Heiliger. Ich war irgendwie schockiert. Einige Wochen zuvor hatten wir eine höchst aufschlussreiche Free Walking Tour in Medellin mitgemacht. Die Schreckensherrschaft Escobars wurde zwar thematisiert, doch seinen Namen sprach der Guide nicht einmal laut aus. Er nannte ihn den bekannten Kriminellen dieser Stadt. Bis auf einige wenige (wie zum Beispiel der Mann, der bis heute täglich das Grab seines patrons fegt, weil er damals ein Haus geschenkt bekommen hatte), hegt kein Kolumbianer positive Gefühle zu diesem Teil der Vergangenheit des Landes. Praktisch jeder Bewohner Medellins hat schon einmal einen Toten gesehen und Familienmitglieder verloren. Sie könnten nicht weiter weg sein von dem Hype, der durch die Netflix-Serie ausgelöst wurde. Stellen Sie sich vor, man würde diesen Menschen erzählen, dass jemand in Bali eine Bar nach dem bekannten Kriminellen Medellins benannt hat.

Gleichzeitig wird das Klischee, Kolumbien bestehe aus nicht viel mehr als Drogen und Kriminellen, natürlich gestärkt. Eine Tatsache, derer sich die Einheimischen sehr bewusst sind. Wir werden oft darauf angesprochen. Sie sagen uns dann, wir sollen unseren Freunden und Familien erzählen, dass Kolumbien schöne Landschaften und Städte habe. Dass Botero und Marquez übrigens auch Kolumbianer gewesen seien. Sie laden uns zum Bier ein und bitten uns, von ihrer Gastfreundlichkeit zu berichten.

Dabei müssten sie das gar nicht. Kolumbien hat sich auf der Liste unserer Lieblingsländer auf den ersten Platz zu Mexiko gesellt. Warum?

Die Menschen

Es ist ein Klischee, dass auf Reisen alle Menschen so nett sind. Aber in Kolumbien sind sie wirklich besonders herzlich und aufgeschlossen. Wir können das sagen, nach über eineinhalb Jahren unterwegs. Auf unseren Fahrten in Kolumbien werden wir alle paar Minuten angehupt, weil die Menschen sich über die fremden Nummernschilder, die ihr Land bereisen, ausserordentlich freuen. Sie winken aus den Autos, zeigen Daumen hoch und sprechen uns in Staus durch das Fenster an. Wo immer wir aufkreuzen, steht bald eine interessierte Gruppe von Menschen um den Bus und fragt uns über uns und unsere Reise aus. Bei unseren zwei Pannen halfen uns fremde Menschen ohne zu zögern. Sogar die Tankwarte wünschen uns täglich, dass Gott uns segne.

Die Vielfalt

Man hat alle zwei Stunden das Gefühl, in einem neuen Land zu sein. Kolumbiens Natur und Landschaften sind unglaublich vielfältig und atemberaubend schön. Die Karibikküste des Nordens, die tiefgrüne Kaffeeregion, die trockenen Paramo-Ebenen mit ihren Kakti oder der Amazonas: hinter fast jeder Kurve wartet die pure Pracht.

Die Dörfer

Aussergewöhnliche Schönheit findet sich auch in den Dörfern und Städtchen des Landes. Die Kolonial-Architektur ist einzigartig und sie wird glücklicherweise erhalten und gepflegt. Gerade wenn man glaubt, das hübscheste Dorf gefunden zu haben, findet man ein hübscheres. Einige unserer Lieblinge: Barichara, Guatapé, Jardin, Filandia, Mongui, Salento und unser absoluter Favorit Villa de Leyva (wohin wir dreimal zurückgekehrt sind).

Die Städte

Cartagena, Medellin, Bogota, Cali: wir liebten sie alle. Und das, obwohl Stadtbesuche mit dem Camper oft etwas mühsam sind. Aber das war es absolut wert. Cartagena war wunderbar als Startpunkt in Kolumbien: fast schon etwas zu herausgeputzt, aber lebendig und im Getsemani-Quartier lässt es sich super länger verweilen. Bogota macht auf den ersten Blick nicht unbedingt an: 10 Millionen Einwohner und dazu auf 3000 Metern über Meer. Doch alleine schon die Dichte an Weltklasse-Museen macht Bogota zu einer top Destination. In Cali lässt sich das authentische Leben in einer kolumbianischen Stadt erleben, ohne vielen anderen Touristen über den Weg zu laufen. Und Medellin: dorthin werden wir kommende Woche zum dritten Mal zurückkehren. Diese Stadt fühlt sich nach ewigem Frühling an mit der Coolness einer jeden Weltstadt.

Sicherheit

Da sich einige bestimmt fragen, wie wir so verrückt sein können, Kolumbien im Camper zu bereisen, weil es doch sicher mega gefährlich ist, möchte ich noch festhalten: Kolumbien gilt mittlerweile als sehr sicheres Reiseland. Wir fühlten uns überall wohl und hatten nie Probleme. Im Gegenteil.

Nicht ganz fünf Monate bereisen wir Kolumbien nun. Wir befinden uns gerade in Popayan, ziemlich weit im Süden. Ecuador ist nur noch einen Fahrtag entfernt. In einem Monat läuft unser (bereits einmal verlängertes Visum) aus. Nun könnten wir bereits den Sprung nach Ecuador machen. Doch gerade gestern entschieden wir, noch einmal nordwärts zu fahren. Es fühlt sich an, als wären wir noch nicht bereit, dieses wundervolle Land zu verlassen. Also drehen wir in den kommenden Wochen eine Ehrenrunde via Cali, Salento und Medellin – einige unserer vielen, vielen Lieblingsorte.

Wo wir sogar die Tankstellen abfeiern: Kolumbien.

Wo wir sogar die Tankstellen abfeiern: Kolumbien.

 

Lieblingsorte in Medellin

Street Art in Colombia.

Kolumbien ist ein fantastisches Land und aussergewöhnlich gut hat uns Medellin gefallen. Wir waren zweimal da und haben insgesamt fast drei Wochen dort verbracht. Sandro besuchte täglich vier Stunden lang die Spanischschule Centro Catalina, eine Partnerschule von Boa Lingua. Aus diesem Grund haben wir uns eine Wohnung im Quartier El Poblado, in der Nähe der Schule, gesucht. Hier ein paar Tipps, die wir wärmstens weiterempfehlen können für all diejenigen, die mit dem Gedanken spielen, in dieser coolen Stadt ein paar Tage oder Wochen zu verbringen.

Das Quartier mit all seinen Cafés und Parks ist wunderbar zu Fuss zu erkunden, vor allem auch, weil das Wetter meist frühlingshaft warm ist. Am Abend lohnt es sich, eine leichte Jacke mitzunehmen.

Restaurants und Co.
Café Zorba
Perfekt für einen netten Abend bei Drinks und Kerzenlicht. Zorba ist cool, die Pizzen erst recht. Sie haben sogar zwei Varianten mit Macadamia-Frischkäse, welche absolut fantastisch sind.

Pergamino Café
Voll von Digitalen Nomaden und Hipstern aller Art, aber der Kaffee dort ist einfach der beste. Ausserdem ist es einfach, sich vom geschäftigen Treiben an den Laptops mitreissen zu lassen und selber für ein paar Stunden konzentriert produktiv zu sein. Wer (gute!) Mandelmilch-Lattes liebt wie Gabs, muss hier hin.

Helecho & Marietta
Zwei kleine, aber superfeine, plantbased Restaurants mit Mittagsmenu. Wir besuchten beide mehrere Male, weil es wohl teurer gewesen wäre, selbst zu kochen. Für umgerechnet 3-5 Dollar pro Person gibts einen frischen Saft, Suppe, Salat, Hauptgang und manchmal Dessert.

Einkaufen
El Poblado ist voll von Shops mit lokalem Design. Ich würde sogar sagen, dass man wohl nirgends eine so gute Qualität (handgemacht, in Medellin gefertigt) für solche Preise bekommt. Seien es Kleidung, Naturkosmetik, Schmuck – die Auswahl ist hip und macht wirklich Lust. Es lohnt sich wirklich, sich einige Stunden Zeit zu nehmen und einfach herumzuschlendern.

Zum Lebensmitteleinkauf gingen wir am liebsten in den neu eröffneten Ceres Organic Market. Dort kriegt man täglich frische Bioprodukte, sehr viel Unverpacktes und man kann ich sogar seine eigene Peanutbutter an der Maschine selber machen.

Tattoo
Wer Lust hat, sich ein permanentes Souvenir zuzulegen, dem möchten wir herzlich die liebe Soy Pirata empfehlen. Ihre Tattoo-Designs sind filigran und mit viel Liebe gefertigt. Ausserdem hat sie eine dieser neuartigen Maschinen, die keinen Lärm machen. Tätowiert wird bei ihr daheim, nur 20 Minuten zu Fuss von El Poblado entfernt.

Tours
Free Walking Tour
Diese Tour führt einen über vier Stunden durch das Zentrum Medellins, wo sich eher wenige Touristen hin verirren. Für uns ist sie ein absolutes Muss, wenn man in der Stadt ist. Die Geschichtenerzähler sind richtig gut und man geht danach mit dem Gefühl nach Hause, dass man die Stadt wirklich kennt und versteht.

Comuna 13
Dieses Quartier war noch vor zehn Jahren unbetretbar und einer der gefährlichsten Flecken der Erde. Bis die Stadt öffentliche Rolltreppen installierte, um der Bevölkerung dort in den steilen Abschnitten das Leben zu erleichtern. Mit dieser Idee, welche nicht nur Befürworter hatte, kamen die Touristen. Die Comuna 13 ist voll von Weltklasse-Streetart, weshalb sich ein Besuch auf jeden Fall lohnt. Wir haben zwar eine Tour gemacht, würden aber aus jetziger Sicht einfach mit dem Taxi hinfahren und auf eigene Faust herumspazieren.

In Zusammenarbeit mit Boa Lingua

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Auf der berühmten Rolltreppe durch die Comuna 13 unterwegs. Schlürft ein Mango-Eis, lokale Spezialität in der Siedlung.

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Ausblick von der Comuna 13 auf Medellin.

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Und hier: eines der unzähligen Wandkunstwerke in der Comuna 13!