Augenöffner

Eine der äusserst schönen Seiten dieser Reise ist, dass wir sehr viel Zeit haben zum Lesen. Oft haben wir keine Internetverbindung, sind irgendwo weit weg von Städten und Menschen und dann gibt es nichts besseres, als in einem Buch zu versinken (bzw. im Kindle bzw. im iPad).

Ich weiss gar nicht mehr, wie ich auf „Half the Sky – How to change the World“ von Nicholas D. Kristof und Sheryl Wudunn gekommen bin und warum ich es genau runtergeladen habe. Irgendwie habe ich das Gefühl, es hat mich gefunden. Der Titel ist etwas irreführend, aber wohl bewusst so gewählt, damit sich jeder angesprochen fühlt.

Es geht um Frauen und um Menschenrechte. Vor allem geht es darum, dass Millionen Frauen auf dieser Welt fehlen. Weil ihre Leben in vielen Kulturen weniger wert sind und sie darum weniger medizinische Versorgung erhalten. Weil sie beim Gebären sterben oder derart verletzt werden, dass es bald danach geschieht. Weil sie abgetrieben werden, bevor sie zur Welt kommen. Weil sie verkauft und zwangsprostituiert werden, bis sie an AIDS oder an Kummer sterben oder sich selbst das Leben nehmen.

Die Autoren, welche ein Paar sind, bereisen seit Jahrzehnten den Planeten – jedoch hauptsächlich Asien und Afrika – und sammeln die Lebensgeschichten von diesen Frauen, um sie in die Welt hinauszutragen. Um ihnen eine Stimme zu geben. Sie besuchen die Frauen oft mehrere Male, um ihre Entwicklung zu begleiten und unterstützen in vielen Fällen wo sie können. Das Buch ist eine Mischung aus diesen Geschichten und politischen, statistischen und kulturellen Einordnungen, gepaart mit positiven Anekdoten von Menschen, die echten Wandel herbeiführen konnten. Die Geschichten der Frauen sind in den meisten Fällen sehr schockierend und doch wollen die Autoren nicht schockieren – sie wollen nur, dass die Wahrheit ans Licht kommt.

Vielleicht ist es das wichtigste Buch, das ich je gelesen habe. Es thematisiert so viele verwandte Themen so präzise und verständlich – und es öffnet einem in vielerlei Hinsicht wirklich die Augen. Wir im Westen helikoptern um die Kinder herum und verteufeln das Bildungssystem, während sich Millionen von Mädchen nichts sehnlicher wünschen, als zur Schule gehen zu dürfen. Wir hacken auf Müttern herum, die sich für einen Kaiserschnitt oder eine Hausgeburt entscheiden, während für so viele Frauen auf der Welt das Gebären eine der häufigsten Todesursachen ist. Wir fühlen uns unschön, zu dünn, zu dick, zu dies oder jenes, während alle 11 Sekunden eine Vagina verstümmelt wird. Unser Boyfriend nervt, weil er vergessen hat, die Milch zu kaufen, während junge Mädchen zwangsverheiratet werden und andere nicht ohne Erlaubnis ihres Mannes aus dem Haus dürfen. Das sind keine Ausnahmen, das alles ist Realität für den Grossteil der Frauen auf dieser Welt. Feminismus bedeutet nicht nur Lohngleichheit und Free the Nipple – die Dimensionen sind sehr viel grösser, als es den Anschein macht.

Wir sind keine schlechten Menschen. Wir leben einfach in einer Blase und glauben, der Nabel der Welt zu sein. Das ist okay. Aber nur, wenn man diese Blase auch ab und zu bewusst und mutwillig zum Platzen bringt, um zu sehen, was wirklich abläuft. Und das ist nicht schön. Was man dabei aber mit Sicherheit gewinnt, ist Gelassenheit für die kleinen und grösseren Probleme unseres Alltags. Es geht uns so, so, so gut. Nicht, dass ich das nicht schon vorher gewusst hätte, aber dieses Buch hat mich wachgerüttelt wie lange nichts mehr.

Und, Gabs, was machst du jetzt, ausser einem gescheiten Blogpost? Ich habe mich entschieden, von nun an 10% meines Einkommens (das momentan eher bescheiden ist, aber das wird sich hoffentlich bald ändern) zu spenden bzw. sinnvoll einzusetzen. Gestern also habe ich Geld überwiesen, um einer guatemaltekischen Frauengruppe einen Mikrokredit zu ermöglichen. Ausserdem wollen wir auf dieser Reise nicht, wie ursprünglich geplant, landwirtschaftliche Projekte (etwa Kaffeefarmen) unterstützen, sondern bei Projekten für Menschen helfen. Falls du ein Projekt in Mittel- oder Südamerika kennst, welches unsere Hilfe brauchen könnte, freuen wir uns, von dir zu hören.

Ich empfehle jeder Person von Herzen, dieses Buch zu lesen!

EDIT: Ein weiteres Buch, das ich gerade fertig gelesen habe und auch äusserst praktikabel ist, ist ‚Doing Good Better‘ von William Macaskill.

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